Über die Doppelmoral deutscher Medien und die Ukraine

Russischer Oppositionspolitiker Boris Nemzow, emordet am 27. Februar 2015 in Moskau
Boris Nemzow

Am 27. Februar 2015 wurde der Oppositionspolitiker Boris Nemzow in Moskau hinterrücks erschossen. Es dauerte nur wenige Stunden, da füllten die Schlagzeilen über seine Ermordung die deutschen Nachrichten, das Fernsehen berichtete ausgiebig und viele Tage darüber.

 

Sofort war der Hauptschuldige klar - Putin. Und wenn er Nemzow nicht selbst hatte umbringen lassen, so war er trotzdem verantwortlich dafür.

 

Am Abends des 15. April 2015 wurde in Kiew der Oppositionspolitiker Oleg Kalaschnikow in seiner Wohnung von Unbekannten erschossen, zuvor hatte er Morddrohungen erhalten. Er war Ex-Abgeordneter der ehemaligen Regierungspartei "Partei der Regionen", welche im Laufe der Maidan-Proteste 2014 gestürzt wurde.

 

Wir erinnern uns - die Proteste und der Umsturz wurden von der deutschen Regierung ausgiebig unterstützt, wie mit Worten, so auch mit Geld. Trotz der vielen Gewalt, trotz der vielen ungeklärten Todesfälle. Oder vielleicht gerade wegen der vielen Gewalt, schließlich wurde sie dem damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch zugerechnet, welcher letztendlich nach Russland fliehen musste. Nach der Regierungsübernahme durch eine Koalition oppositioneller Parteien, unter denen sich auch die rechtsextreme "Swoboda" befand, erkannte Deutschland diese Übergangsregierung sofort als rechtmäßig an - obwohl die zur Absetzung des Präsidenten benötigten 75% im Parlament (trotz dessen, dass dort bewaffnete Vermummte rumstanden) nicht erreicht wurden. Aber das alles nur nebenbei.

Der ukrainische Journalist Sergej Suchobok wurde in der Nacht vom 12. zum 13. April 2015 in seinem Haus in Kiew ermordet.
Sergej Suchobok

Am 16. April 2015 wurde in Kiew der oppositionelle Journalist und Schriftsteller Oles Buzina im Hof neben seinem Haus von Unbekannten erschossen.

Am selben Tag wurde bekannt, dass der Journalist Sergej Suchobok, welcher zuletzt aus dem vom Krieg gezeichneten Donbass berichtete, in der Nacht vom 12. zum 13. April in seinem Haus ermordet wurde - ebenfalls in Kiew. Laut der Polizei wurde er zwar von alkoholisierten Nachbarn zusammengeschlagen, aber Mord an einem Journalisten bleibt Mord an einem Journalisten. Zudem - lässt sich eine Polizei als neutral bezeichnen, deren Chef, Wadim Trojan, ein bekannter Rechtsextremist ist? http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/wie-rechtsextremist-wadim-trojan-polizeichef-in-kiew-wurde-13282357.html

Am 17. April erwachte die deutsche Medienlandschaft langsam aus ihrem Dornröschenschlaf - einzelne Artikel über den Mord von zwei Oppositionellen in der Ukraine wurden veröffentlicht. Unsere Augsburger Allgemeine widmete dem Vorfall einen kurzen Randartikel ohne Bild, auf der selben Seite fand man mittig und mit Bild einen Artikel über Putin, der mal mit unserem ehemaligen Bundeskanzler Schröder Bier in einer Sauna getrunken haben soll. Sergej Suchobok wurde nirgendswo auch nur mit einem Wort erwähnt.

Oles Buzina wurde am 14. April 2015 auf der Webseite des "Zentr Mirotworez" - "Friedensstifter Zentrum", www.psb4ukr.org, eingetragen.
Oles Buzina Eintrag auf psb4ukr.org
Was ebenfalls nirgendswo auch nur mit einem Wort erwähnt wurde:

Es gibt eine selbsternannte "Forschungsstelle" namens "Zentr Mirotworez" - "Friedensstifter Zentrum", die es sich laut eigenen Angaben zum Ziel gemacht hat, Daten über "Pro-Russische Terroristen, Separatisten, Söldner, Kriegsverbrecher und Mörder" zu sammeln. Das "Friedensstifter Zentrum" arbeitet offiziell mit dem Inlandsgeheimdienst SBU, dem Verteidigungsministerium, dem Grenzschutz, dem Innenministerium und der Gefängnisverwaltung der Ukraine zusammen. Auf der Webseite dieses Zentrums https://psb4ukr.org/ gibt es einen Button mit dem Namen "ЧИСТИЛИЩЕ" - "CHISTILISHE", was soviel wie "Fegefeuer" bedeutet: https://psb4ukr.org/criminal/

Dort findet man eine große Liste von Separatisten, Menschen mit oppositioneller Einstellung und anderen Leuten, die das "Zentrum Friedensstifter" für Terroristen hält - jeder ist mit ganzem Namen, genauer Adresse, Telefon- und Handynummer sowie Profilen in sozialen Netzwerken aufgelistet. Dazu noch eine kurze Beschreibung und ein paar private Fotos. Männer, Frauen, Jugendliche, ja sogar ein paar Kinder - manch einer mit einem Maschinengewehr in der Hand, manch einer bei der Hochzeit, beim Angeln, mit dem eigenen Kind auf dem Arm. Wenn jemand verheiratet ist oder ein Kind hat, wird dies zusätzlich angemerkt, samt Namen des jeweiligen Partners und/oder Kindes. Dies alles ist frei zugänglich. Für jeden Menschen dieser Welt. Für jeden Ukrainer. Für jeden, der Lust verspürt, jemanden umzubringen, weil er nicht mit der eigenen politischen Überzeugung im Einklang steht.

Der ukrainische Oppositionspolitiker Oleg Kalaschnikow wurde am 14. April 2015 in Kiew ermordet.
Oleg Kalaschnikow

Am 14. April wurde der oppositionelle Politiker Oleg Kalaschnikow und der Journalist Oles Buzina in dieser Liste eingetragen. Samt ihrer Telefonnummern und genauer Adressen.


Am Abend des 15. April war Oleg Kalaschnikow ein toter Mann. Und am Abend des 15. April erschien auf dem offiziellen Twitter-Account des "Friedensstifter Zentrums" folgende Nachricht: "Für den erfolgreichen Abschluss des ihm gestellten Auftrags wurde dem Agenten "404" heute ein außerordentlicher Titel vergeben sowie ein wertvolles Geschenk ausgehändigt." https://twitter.com/psb4ukr/status/588495190115123200

 

Der ukrainische oppositionelle Journalist und Schriftsteller Oles Buzina wurde am 16. April 2015 in Kiew ermordet.
Oles Buzina

Am Tag darauf, dem 16. April, wurde auch Oles Buzina erschossen. Und am 16. April erschien auf dem offiziellen Twitter-Account des "Friedensstifter Zentrums" folgende Nachricht: "Agent "404" hat sich erneut ausgezeichnet. Für den erfolgreichen Abschluss des heutigen Kampf-Auftrages erhält er einen kurzzeitigen Urlaub." https://twitter.com/psb4ukr/status/588673210675232768

Wie man sieht, sind die Tweets bis heute existent, im "Fegefeuer" jedoch sind alle Einträge vor dem 4. Mai nicht mehr aufrufbar.


Seltsam ist auch, dass die Webseite der Friedensstifter als ihren Hoster einen NATO-Server angibt. So wie es sie gemacht haben, lässt sich das auch einrichten, ohne dass die Webseite wirklich über einen NATO-Server läuft, was sie wohl auch nicht tut - interessant finde ich es aber allemal.


Das "Zentr Mirotworez" - "Friedensstifter Zentrum" twitterte jeweils nach den Morden an Kalaschnikow und Buzina einen erfolgreichen Auftrag eines "Agenten 404".
Twitter-Eintrag des Friedensstifter Zentrums

Mit diesem Wissen scheint es auf jeden Fall recht logisch, wer hinter den Morden steckt. Genau: Putin wars! Der Berater des Ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschenko, noch am selben Tag: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ermordung Buzinas von russischen Spezialkräften organisiert wurde." Der Ukrainische Präsident, Petr Poroschenko, sagte, die beiden Morde seien eine "absichtliche Provokation" gewesen, die darauf ziele, "die Ukraine innenpolitisch zu destabilisieren und die politischen Entscheidungen in der ukrainischen Bevölkerung zu diskreditieren".


Das "Zentr Mirotworez" - "Friedensstifter Zentrum", welches kurz vor ihrer Ermordung die Adressen der Oppositionellen Kalaschnikow und Buzina veröffentlichte, gibt einen NATO-Server als Host an.
NATO-Server als Host

Am Tag danach bekannte sich eine Gruppierung namens "UPA - Aufständische Ukrainische Armee" (welche meines Wissens vorher noch nie in Erscheinung getreten ist) zu den Morden an Kalaschnikow und Buzina sowie anderen Tötungen. Benannt ist sie nach der bekannten Ukrainischen Partisanenarmee, die sich im 2. Weltkrieg u.a. an zahlreichen Massakern an Zivilisten beteiligte und unter der heutigen Ukrainischen Regierung trotzdem glorifiziert wird: https://de.wikipedia.org/wiki/Ukrainische_Aufst%C3%A4ndische_Armee


Die Hauptaussage des Bekennerschreibens war folgende: "Wir beginnen einen rücksichtslosen Rebellenkampf gegen das antiukrainische Regime von Verrätern und Schuften Moskaus, und von jetzt an werden wir mit ihnen nur in der Sprache der Waffen sprechen, bis zu ihrer vollständigen Zerstörung." Seltsam ist, dass dieses Schreiben nicht einfach irgendwo veröffentlicht wurde, sondern erst über den Politikwissenschaftler Wladimir Fessenko den Weg zur Öffentlichkeit fand. Dem wurde es nämlich per E-Mail zugeschickt - wieso ausgerechnet diesem Politikwissenschaftler, bleibt im Ungewissen.


Zu dem ganzen würde ich ja gerne George Orwell zitieren: "Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke." Aber Mist. Das hat das haben die netten Friedensstifter schon auf ihrer Webseite gemacht, auf Putin und "seine" Separatisten anspielend.


Diese Taten waren nicht die ersten Morde an Oppositionellen in der Ukraine dieses Jahr: http://www.tagesspiegel.de/politik/ukraine-verbuendeter-von-ex-praesident-janukowitsch-offenbar-ermordet/11643036.html

Zwei Tage nach dem Mord an Buzina veröffentlichte die Augsburger Allgemeine doch noch einen zweiten Artikel über die zwei Morde, diesmal etwas größer und mit Fotos der Opfer. (Suchobok wurde erneut nicht erwähnt)

Zitat: "Drohen in der Ukraine jetzt ähnliche Verhältnisse wie im Nachbarland?"


Aber was rege ich mich noch über sowas auf? Wir reden hier von Medien, denen hunderte Tote im Mittelmeer genauso egal sind und die Mitgefühl simulieren, wenn die Sache zu groß wird: http://www.neues-deutschland.de/artikel/968168.ein-trainer-ist-ihnen-wichtiger-als-tote-im-mittelmeer.html

Wobei es hier noch weniger um Mitgefühl geht, als darum, dass wir zig Milliarden Euros für Bankenrettungen verschleudern können und Menschenrettungen auf hoher See abblasen, weil es für unsere Regierungen "zu teuer" ist...

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